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Stephan Selle | Semantisch lesen, Fernsehen lesen

Hier noch eine Leseprobe aus der Bücherdämmerung. Der folgende Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Artikel Anders lesen – Von einer neuen Kulturtechnik von Stephan Selle:

Semantisch lesen

Wenn Programme beginnen, eine Ahnung davon zu entwickeln, was in einem Text steht, sind viele weitere Operationen möglich, die unter das Schlagwort Digitale Semantik (also etwa: Computer-Bedeutungslehre) fallen. Aus dem Kant-Satz: »Mathematik und Physik sind die beiden theoretischen Erkenntnisse der Vernunft, welche ihre Objekte a priori bestimmen sollen, die erstere ganz rein, die zweite wenigstens zum Teil rein, dann aber auch nach Maßgabe anderer Erkenntnisquellen als der der Vernunft« könnte folgender werden: »Mathematik und Physik haben wenig mit der gegenständlichen Wirklichkeit zu tun, sie kümmern sich – die Mathematik vollständig, die Physik jedenfalls zu großen Teilen – um gedachte Dinge, denen keine praktische Erfahrung zugrunde liegt.« So was kann derzeit nur ich, in Bälde kann’s auch ein Kindle. Der nächste Schritt, und jetzt bewegen wir uns prognostisch in Grauzonen (aber die beginnen im Computergeschäft ja bereits in zwei Jahren), wären dann so in etwa fünf Jahren Lesegeräte, die mitdenken. Und mitreden, wenn man sie fragt.

Wir lesen einen Absatz in einem schwierigen Text, einem Philosophiebuch oder in einem großen Roman. Und nach diesem Absatz sagen wir: »Versteh’ ich nicht!« Der Reader versteht uns sehr wohl und schaut im Netz nach: Wer hat diesen Absatz mal erklärt, hat der Autor etwas dazu gesagt, gibt es in irgendeiner Bibliothek Bücher, die das Problem dieses Absatzes behandeln oder erhellen können? Der Reader holt die Erklärung, übersetzt sie und zeigt sie an. Und sucht weiter, während wir versuchen, das Gelesene jetzt zu verstehen. Der Begriff dazu heißt »Semantisches Web«: Sätze werden durch sogenannte Metadaten, durch formalisierte Beschreibungen, für eine Maschine verständlich gemacht. »Der Mond [Himmelskörper, Trabant] ist aufgegangen [Bewegungsform, am Horizont erscheinen], die güldnen [Farbe, Gold] Sternlein [Himmelskörper, Diminutiv] prangen [Verb, sichtbar] …« Für die Maschine übersetzt: »Ein Himmelskörper erscheint am Horizont, die goldenen kleineren Himmelsköper werden sichtbar.« Das lässt sich doch schon fast nachspielen!

Kontext ist das Zauberwort: Damit wir Gelesenes verstehen, müssen wir in den meisten Fällen Kontexte selbst beim Lesen herstellen. Bei zeitgenössischen Texten ist das eher einfach. Die »Spiegel-Online«-Schlagzeile. »Koalitionsverhandlungen: Kampf um Energie-Milliarden« ist für uns sofort kontextualisierbar: Verhandelt wird zwischen SPD und CDU, und es geht um die Subventionen von Windenergie und Fotovoltaik. Einfach! »Der Aufruhr in Polen: Gefahr für Osteuropa!« war der »Spiegel«-Titel aus Mitte 1980: da wird’s schon schwierig, nur die Senioren unter uns murmeln jetzt »Solidarność, Lech Wałęsa, Danzig, Werft«. Digitale Lesegeräte können hervorragende Agenten sein, wenn es darum geht, verloren gegangene Kontexte wieder zu beschaffen […]

Fernsehen lesen

[…] Netflix, Marktführer in der Sparte Internet-TV, hat als digitales Filmportal begonnen, eigene Fernsehserien zu produzieren. Das Vorzeigestück ist House of Cards, die Serie, die im Herbst 2013 auch in Deutschland bei einem normalen Sender anlief. House of Cards ahmt in allem, in der Erzählweise, in der Ästhetik, in der Dauer, in Staffeln und Folgen, normale Fernsehserien nach – so, wie anfangs der Film das Theater und die Fotografie die Malerei nachgeahmt hat. Mit einer sehr interessanten Abweichung: Netflix-Abonnenten in den USA können sich die Serie staffelweise ansehen. Für einen digitalen Anbieter ist es sinnlos, jede Woche eine Folge einzustellen, er verkauft keine Werbezeiten zu bestimmten Tageszeiten an bestimmten Wochentagen. Außerdem – nicht nur das Lesen ändert sich – sind die meisten Serien-Junkies Binge Watcher – Koma-Glotzer: Sie besorgen sich von angesagten Serien ganze Staffeln und schauen 8 Folgen an einem Abend.

Die nächsten Folgen der Internet-TV-Shows werden in kürzester Zeit die Produktion verändern. Im Unterschied zu den analogen Konkurrenten, den traditionellen Fernsehsendern, merkt Netflix, wer welche Szene möglicherweise noch einmal anschaut oder einfach überspringt. Oder abschaltet. Mit digitalen Serien rücken völlig neue Werbeformate in den Fokus: Wer solche Serien auf dem iPad ansieht, könnte mit dem Finger auf die Heldin tippen und damit signalisieren: »Ihr Kleid hätte ich gern.« Und während die Serie weiterläuft, startet nebenan das Einkaufsportal, zeigt die passende Größe an und wartet auf die Bestätigung durch den Bestell-Button. Der Mann tippt wenig später auf den elektrischen Rasierer, mit dem Brad Pitt durch sein Gesichtshaar mäht …

Lassen Sie uns einen Moment bei den Serien verweilen, denn an ihnen kann man sehen, wir schnell sich Formen an mediale Gegebenheiten anpassen: In den 1970er- und 1980er-Jahren waren Serien so etwas wie Hausfrauen-Programme: Sie liefen tagsüber und sollten die Aufmerksamkeit der Nebenbei-Seher auf die Werbung lenken. Entsprechend waren die Geschichten: Dallas und der Denver Clan bewegen sich erzähltechnisch auf dem Niveau eines mittelalterlichen Romans. Erzählt wurden im Wesentlichen aufeinanderfolgende Episoden mit dem Gestus »und dann, und dann, und dann«. Droht die Handlung stecken zu bleiben, kommen unausweichlich wie in der gothic novel, dem Schauerroman des ausgehenden 18. Jahrhunderts, die »entfernten« Verwandten: die unbekannte Halbschwester, die tot geglaubte Mutter, wahnsinnige Cousins oder weggeschwommene Babys. Dieser Trick hat seit dem ersten Meister der geschriebenen Fernsehserie, Charles Dickens, nichts an Reiz verloren. (Dickens veröffentlichte die meisten seiner Romane als wöchentliche Fortsetzungen und wurde damit sehr, sehr reich.)

Heute haben Fernsehserien technisch das Niveau bester Romane erreicht. Personen entwickelt sich weiter, Nebenhandlungen werden ausgeführt, Orte und Zeitläufte werden intensiv beleuchtet, die Stimmung einer echten Gegenwart wird erfasst. Publikum sind die nicht mehr ins Kino gehenden Erwachsenen: Wer keine Lust mehr hat auf halbwüchsige Zauberer und Ringherren, wer die menschlichen Mutanten von Stallone über van Damme bis Schwarzenegger ins Altersheim und die Marvel-Helden unter Thors Hammer wünscht, der sitzt abends vor Festplattenaufzeichnungen seiner neuen Helden: dem Meth kochenden Chemielehrer Walter White aus Albuquerque, dem Drogenpolizisten Jimmy McNulty aus Baltimore, der Marihuana dealenden Hausfrau Nancy Botwin aus Agrestic oder dem möglicherweise von al-Qaida umgedrehten Kriegshelden Nicholas Brody aus Washington.

Innerhalb von dreißig Jahren hat es das Schmuddelkind Fernsehserie – wie im Übrigen auch das Videospiel – vom Heftchen-Roman zum ernst zu nehmenden Kulturprodukt gebracht. Wohl auch, weil Dichter und Drehbuchschreiber nach Möglichkeiten gesucht haben, anspruchsvolle Romane in Filmen zu erzählen […]

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